Russ Harris : Wer vor dem Schmerz flieht …

SchmerzRuss Harris : Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt

Unterstützung in schwierigen Zeiten. ACT in der Praxis. – München : Kösel, 2013.

Über dieses Buch bin ich gestolpert auf der Suche nach einem Ratgeber bei chronischen Schmerzen. Et­was unglücklich aus dem Englischen übersetzt geht es aber weniger um den Umgang mit kör­per­lichen Schmerzen als vielmehr um das Überwinden von Lebenskrisen. Warum ich das Buch dann trotz­dem gelesen habe? Der zweite Untertitel „ACT in der Praxis“ hat mich neugierig gemacht. „ACT“ steht für „Acceptance and Commitment Therapy“, einen neueren Ansatz innerhalb der Ver­hal­tens­the­ra­pie, über den ich ohnehin mehr erfahren wollte. Und schwuppdiwupp war ich mitten drin in der Lektüre. Russ Harris schreibt verständlich, anschaulich und vor allem authentisch. Die Nachricht, daß sein Sohn an Autis­mus leidet, hat bei dem Autor zu einem Schock und einer „Realitätskluft“, von welcher in dem Buch öfter die Rede ist, geführt. Neben seinen ganz persönlichen Erfahrungen streut Russ Harris als prak­ti­zie­render Therapeut auch diejenigen von seinen Patienten oder anderen Men­schen mit ein, die zum Teil vielfach schlimmere Erlebnisse durchlebt haben. Das Erfreuliche an dem Buch ist aber, daß keine Wer­tungen vorgenommen werden, ob meine Probleme überhaupt in der­sel­ben Liga an­zu­sie­deln sind. Deshalb spricht Russ Harris von „Realitätskluft“, die immer dann besteht, wenn zwischen dem, was ich mir als Realität wünsche, und dem, wie sie sich tatsächlich gestaltet, ein Unterschied exi­stiert, der schmerzhafte Gefühle aufkommen läßt. Russ Harris führt auf den rund 250 Seiten et­liche Übun­gen an, mit deren Hilfe sich ein Ratsuchender aus der Sackgasse der Krise wieder herausmanövrieren kann. Er tut dies mit Witz und Humor, aber auch mit Ernst, wo dies angebracht ist. Amüsant waren für mich die Passagen, wo der Verfasser die möglichen Gedanken des Lesers aus­spricht wie zum Beispiel „So was Blö­des!“ „Da passiert ja gar nichts!“ und mich liebevoll und ge­duldig immer wieder daran erinnert, die­ses Geplapper des ans Plappern ge­wöhn­ten Kopfes zu­nächst nicht so wichtig zu nehmen und erst ein­mal weiter zu lesen. Leider muß ich ge­stehen, daß ich nicht alle Vorschläge zur sofortigen Um­se­tzung ausprobiert habe, obwohl ich zuhause ganz un­beobachtet war. Mög­licher­weise lag es auch daran, daß mir viele der prä­sen­tierten Gedanken aus der Me­di­ta­tions­praxis bereits bekannt waren. Es muß einem mit diesem Buch also auch schon ein bißchen lie­gen, sich mit zunächst komisch anmutenden Übungen sich selbst zu widmen. Dan­kens­wer­terweise ver­spricht Russ Harris nicht, daß ich mich lediglich mit positivem Den­ken aus den per­sön­lichen Krisen herauszuwühlen habe. Genauso wenig sollen schmerzliche Erfahrungen ba­ga­tel­li­siert oder gar ver­drängt werden. Und das ist wohl auch der Sinn des deutschen Titels: Weder me­cha­ni­sches Wie­der­ho­len von Affir­ma­tio­nen noch zwang­haf­te Versuche, allem Leid etwas Positives ab­zu­ge­winnen, noch die Vermeidung einer Aus­ein­an­der­se­tzung mit dem persönlichen Leid führen tat­säch­lich zu dessen Über­win­dung. Be­son­ders die im An­hang geschilderten Techniken, die Auflistung zur Klä­rung der eigenen Werte und einer schrittweisen Me­thode, sich Ziele zu setzen und engagiert zu han­deln, haben mich motiviert, doch mehr zu tun, als nur einen Ratgeber zu lesen. Ich bin mir sicher, jeder kann etwas aus dem Buch für sich ziehen, einen per­sönlichen Leitfaden – auch vorbeugend – sich nicht in Problemen und Ne­ga­ti­vi­tät restlos zu ver­hed­dern. Russ Harris liefert dafür in den Überschriften zu Abschnitten zusammengefaßter Kapitel eingängige Bilder wie „Den Anker wer­fen“ oder „Den Schatz finden“. Be­son­ders die Wie­derholungen der Grundideen und die Anwendung die­ser auf mehreren Ebenen des Buches schei­nen mir eine solide Basis für eine Ver­in­nerlichung der Vor­gehensweise und damit viel­leicht auch für ein Gelingen wenn nicht in der Krise so doch im all­täg­li­chen Erleben von ne­ga­ti­ven Gefühlen zu sein. Eine Therapie, da wo nötig, ersetzt aber auch das beste Rat­geberbuch nicht.

Russ Harris

Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt

Unterstützung in schwierigen Zeiten. ACT in der Praxis

Originaltitel: The Reality Slap. How to Find Fulfilment When Life Hurts
Originalverlag: Exisle Publishing Limited
Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-466-30957-3
€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 25,90 * (* empf. VK-Preis)

Verlag: Kösel