Johnny Cash: Das Spätwerk

Johnny Cash: Das Spätwerk

Ein guter Freund schenkte mir vor einiger Zeit eine Johnny Cash CD zum Geburtstag und machte mich damit etwas ratlos. Mit Country habe ich definitiv nichts am Hut. Zugegeben, Johnny Cash ist noch immer eine Institution. Auch jemand, der keine Country-Platten in seiner Sammlung hat, kennt und respektiert ihn. Johnny Cash, das war für mich „Ring of Fire“ entweder in der Originalversion – mit diesen nervtötenden mexikanischen Trompeten – oder in Frank Zappas Parodie „The Best Band You Never Heard Of“.

Nein, mein Freund versicherte mir, seit jüngster Zeit würden auch mit Kajalstift bemalte 17-jährige Discomädchen auf Johnny Cash stehen und beharrte darauf: „Das MUSST du hören“. Nun, ich hörte es mir an und es haute mich um. „The Man Comes Around“, der Titelsong, erzählt vom Schnitter, dem Tod, der uns alle holen wird, aber in einer solchen Intensität, dass einem der Atem stockt und, wie es in dem Lied auch heißt, „The hairs on your arm will stand up…“ Ich, dem alles Religiöse fremd ist, bin beeindruckt von dem Ernst und der Würde dieses zutiefst gläubigen Menschen, der im Angesicht des Todes von der Angst gepeinigt wird: „Werde ich vor Gott bestehen?“

Das zweite Stück „Hurt“ gab mir dann den Rest. Mit brüchiger Stimme lässt der alte Mann sein zuende gehendes Leben noch einmal Revue passieren, schüttelt den Kopf über die Gebrechlichkeit des eigenen Körpers, dem gerade so viel Zeit und Kraft bleibt, der geliebten Ehefrau, mit der er die guten und schlechten Zeiten durchlebt hat, von denen im Eheverprechen die Rede ist, für all die Liebe und Geduld zu danken. Dies alles hat so viel Wucht, Aufrichtigkeit und Authentizität, dass 90 Prozent der übrigen Musiker eigentlich aus dem Fenster springen oder zum Tischler umlernen sollten.

Wie kam es zu diesem Johnny Cash-Wunder? Wie wurde aus dem abgehalfterten Countrymusiker, der Anfang der 90er Jahre nur noch als ein Zerrbild seiner Selbst durch Bierzelte tourte, auf einmal jener alte Mann mit Gitarre wurde, dem auch die MTV-Generation zu Füßen lag?

Die Monografie „Die Auferstehung des Johnny Cash“ gibt Aufschluss darüber. Sie legt dar, dass der Wandel zum späten Ruhm nicht vom Himmel fiel, sondern dem Enthusiasmus des genialen Produzenten Rick Rubin zu verdanken ist, der Johnny Cash zurück zu seinen Wurzeln führte. Auf mehr als 250 Seiten schildert Graeme Thomson minutiös die letzten zehn Jahre des Musikers, ein ununterbrochenes Aufbäumen, von dem die legendären fünf Alben der American Recordings Zeugnis ablegen. Diese Monografie taugt eigentlich als Biografie, denn wie in einem Brennglas kommt in diesen letzten Jahren alles zusammen, was Cash sein ganzes Leben geprägt hat: der Widerspruch zwischen Frömmigkeit und Drogenkonsum, zwischen erzkonservativen Ansichten und Rabaukentum.

Das Einzige was ich vermisse, ist die Diskografie der „American Recordings“. Natürlich kann ich jederzeit bei Wikipedia nachschauen, welches Lied sich auf welcher Platte befindet. Aber wenn ich schon mal ein Buch in der Hand halte, das von den American Recordings handelt… Trotzdem: Dieser schöne schwarze Paperback-Band ist der ideale Einstieg für Cash-Neulinge und natürlich ein Muss für ältere Fans des Meisters, der am 26. Mai dieses Jahres 80 geworden wäre.

Graeme Thomson: Die Auferstehung des Johnny Cash.
Seine späten Jahre und die American Recordings.
Übers. aus dem Englischen von Sonja Willner und Sandra Hölzel.
Bosworth 2012. 256 S., 19.95 EUR.