Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde

500 beste freunde

Offenbar gibt es bei den Verlagen seit Neuestem einen Trend zum schönen Buch. „Meine 500 besten Freunde“ von Johanna Adorján, erschienen im Luchterhand-Verlag, ist in tintenblaues Leinen gebunden, besitzt ein tintenblaues Lesebändchen, ist in tintenblauer Schrift gesetzt – selbst der Schnitt ist tintenblau. Eine Verpackung wie bei einem Geschenk – und auch inhaltlich hat der Band etwas von einer Pralinenschachtel.

Die 1971 in Stockholm geborene Autorin hat in München Theater- und Opernregie studiert. Seit über einer Dekade ist sie Kulturjournalistin und berichtet für  die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ aus Berlin. Als Autorin debütierte sie 2009 mit dem Roman „Eine exklusive Liebe“, in dem sie über den Selbstmord ihrer Großeltern schreibt, die sich nach einen halben Jahrhundert glücklicher Ehe 1991 gemeinsam das Leben nahmen.

Die „500 besten Freunde“ sind dagegen leichtere Kost. In 13 Kurzgeschichten lässt Johanna Adorján eine Reihe typischer Gestalten der kreativen Szene Berlins Revue passieren. Wie bei einer Pralinenschachtel weiß man nie, was man als nächstes bekommt: eine sehr leckere, eine mittelprächtige oder eine, die gar nicht schmeckt. In den Episoden um zweitklassige Filmschauspielerinnen, Möchtegern-Regisseuren, ehrgeizigen Praktikantinnen und frustrierten Kulturredakteuren findet sich fast jedes literarische Niveau: Die Eingangsgeschichte „Ein Tisch in der Mitte“ finde ich langweilig, die Pointe enttäuschend. Der Bericht eines Drogenabhängigen, der seiner Therapeutin „Frau Weber“ – und dem Leser – weismachen will, er habe seine Sucht im Griff, ist dagegen das Glanzstück der Sammlung: eine Geschichte, die so still und ruhig ist, dass es in ihr schreit und in der die Autorin beweist, was sie wirklich auf dem Kasten hat. Die übrigen Erzählungen bewegen sich in der Qualität irgendwo dazwischen, wobei es ein schöner Einfall ist, manche Hauptfiguren als Nebengestalten in anderen Stücken wieder auftreten zu lassen.

Ich persönlich finde es jedes Mal vergnüglich, die gleichen Hauptstadt-Klischees immer wieder serviert zu bekommen. Aber wer ist der Adressat dieser Kurzgeschichten? Die Buchvorstellung findet im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz statt. Mehr Berlin-Mitte geht nicht! Beim Lesen ihrer Texte wechselt sich die Autorin mit der Schauspielerin Heike Makatsch ab, mit der sie laut Boulevard eng befreundet ist. Und das Publikum? Genau die Personen, von denen „Meine 500 besten Freunde“ handelt. (Den Rezensenten, der sich als frustrierter Kulturjournalist klassifizieren ließe, eingeschlossen.) Und wenn man über die Typen in den Episoden lacht, dann immer über den Nebenmann oder die Nebenfrau, niemals über sich selbst. Wie funktioniert das nur, dass jeder denkt, alle gehören dazu, nur man selbst nicht? In einem Interview hat Johanna Adorján einmal geäußert, sie fühle sich irgendwie „nicht dazugehörig“. Das lasse ich mir irgendwann von ihr erklären.

Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde. Luchterhand 2013, 256 Seiten, 18,99 Euro.