Frank Wingold ist ein deutscher Jazz und klassischer Gitarrist. Seit 1993 ist er Mitglied der Gruppe Underkarl, mit Sebastian Gramss, Rudi Mahall, Lömsch Lehmann und Dirk Peter Kölsch. Zusammen haben sie zahlreiche Cds aufgenommen und viele internationale Tourneen absolviert. Die neue CD “Timetunnel25” ist in diesem Jahr zum 25-jährigen Bestehen erschienen. Mit Joost Lijbaart und Mark Haanstra bildet er die Gruppe agog. Zusammen haben sie den Europe Jazz Contest in Brüssel gewonnen und 2002 die Dutch Jazz Competition auf dem berühmten North Sea Jazz Festival. Zur Zeit arbeitet er mit Hochtouren an seiner neuen CD mit dem Titel “Entangled Music”, die er mit Robert Landfermann am Kontrabass und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug aufgenommen hat. Frank Wingold’s Gitarrenspiel, dass vom deutschen Musikmagazin Jazz Podium als glasklarer, perlender Klang, der öfters an ECM-Gitarristen auf Speed erinnert beschrieben wird, ist Professor für Jazzgitarre an der Musikhochschule Osnabrück und am Prins Claus Conservatorium (PCC) im niederländischen Groningen. Dort, in Groningen, traf ich Frank und wir sprachen über seine eigenwillige Fingertechnik, seinen persönlichen Weg zum Jazz, über das Unterrichten in zwei unterschiedlichen Ländern, natürlich auch über seine Arbeit mit Underkarl und anderen sehr inspirierenden Musikern, über die heutige Musikindustrie und das freischaffende Musikerleben überhaupt, Inspirationen, Frank Zappa und Keith Jarrett, zeitgenössische Literatur, Deutschland und den Jazz, Spieltechniken und Effektgeräte, Gedanken zur Zukunft des Musikstudiums, die Kölner Musikszene und vieles mehr.

 

Bernd Ihno Eilts: Lieber Frank, du bist ja ein sehr beschäftigter Musiker mit vielen unterschiedlichen Projekten!

Frank Wingold: Das stimmt! Ich bin im Moment sehr viel am komponieren und ich will in diesem Jahr gerne 2 CDs herausbringen, wenn es klappt.

Bernd Ihno Eilts: Zwei auf einmal, in einem Jahr?

Frank Wingold: Es ist ein bischen ungeschickt, aber es geht wahrscheinlich gut.

Bernd Ihno Eilts: Übrigens, herzlichen Dank auch für diesen schnellen Interviewtermin!

Frank Wingold: Ja, es war wirklich schnell!

Bernd Ihno Eilts: Dein Konzert gestern in der Smederij hier in Groningen war ja wirklich cool. Hat es dir auch gefallen?

Frank Wingold: Wir haben eine halbe Stunde vorher miteinander geprobt.

Bernd Ihno Eilts: Warst du zufrieden?

Frank Wingold: Ja! Der Auftritt war ja auch konzipiert, wie sind ja nunmal keine Band. Für uns war dies eine Session, aber ich wollte es etwas interessanter gestalten, wir haben zwei Kompositionen von mir gespielt und eine von Tony Williams, und der Rest waren halt Standards. Man setzt da eigentlich mehr auf die Spontaneität. Mit Steve Altenberg (facebook.com/steve.altenberg) habe ich schon öfters zusammen gespielt und er ist halt wahnsinnig schnell im Aufgreifen, von der gesamten Atmosphäre und der Energie dieser Stücke. Es gefällt ihm sehr, wenn Songs eine eigene Identität haben, eine eigene Farbe besitzen, also eine eigene kleine Welt sind. Da stürzt er sich sofort hinein.

Frank Wingold live in De Smederij/Groningen – Niederlande.

Bernd Ihno Eilts: Kanntest du den Kontrabassisten Hans Lass (hanslass.nl) auch schon?

Frank Wingold: Ich kannte ihn schon, habe aber noch nicht soviel mit ihm gespielt. Ein, zwei Mal glaube ich. Aber ich kenne ihn auch schon lange.

Bernd Ihno Eilts: Er hat ja auch am PCC studiert. Ich selber lebe jetzt seit 20 Jahren hier in Groningen und er hat während meines Studiums hier auch studiert. Wenn es um deutsche Gitarristen geht, denke ich an Volker Kriegel, Michael Sagmeister, Wolfgang Muthspiel auch, obwohl er aus Österreich kommt. Auch aus Österreich stammt Karl Ratzer, an Larry Coryell mußte ich gestern Abend während deines Konzertes auch noch denken. Du hast ja eine sehr interessante Fingertechnik. Kannst du etwas dazu sagen?

Frank Wingold: Ich habe die Liebe zur Gitarre über das Fingerpicking entdeckt. Das kommt von den ganz alten Blues Gitarristen. Missisippi John, Big Bill Broonzy, Reverand Gary Davis, die so einen ganz erdigen Solo und Gesangs-Begleitstil auf der akustischen Gitarre gespielt haben und der etwa Anfang des 20. Jahrhunderts von ihnen entwickelt wurde. Als Jugendlicher hat mich das wahnsinnig fasziniert. Daraus ist ja diese ganze Fingerpicking-Szene entstanden, zum Beispiel der Ragtime. Das gibt es ja heute auch noch sehr viel. Das war für mich kindliche Spielfreude, da habe ich mich vollkommen ausgelebt. Dann habe ich mir immer neue Herausforderungen gesucht und habe zunächst klassischen Gitarrenunterricht genommen. Dabei habe ich dann gelernt, sehr intensiv Musik zu machen. Vorher habe ich einfach nur Gitarre gespielt und dann habe ich plötzlich Musik gemacht. Es war zunächst so eine Art motorische Freude und dann im klassischen Unterricht habe ich halt gelernt, wie man Musik zum Ausdruck bringt, wie man bestimmte Stimmen hervorhebt undsoweiter. Das sind beides Gitarrenstile, die mit einem Plektrum garnichts zu tun haben. Fingerpicking ist, wie der Name es sagt, ein Spiel mit den Fingern. Klassische Gitarre hat natürlich auch diese typische klassische Technik, und erst von da ausgehend habe ich mich dann für den Jazz interessiert. Die meisten Musikstile, bei denen sehr viele Musiker zur Gitarre kommen, wie dem Rock und dabei Jimi Hendrix oder auch Heavy Metal habe ich erst viel später entdeckt. Ich bin auch ein großer Jimi Hendrix Freund, aber das war bei mir so ein bisschen auf den Kopf gestellt und ich habe ihn und seine Musik erst viel später entdeckt.

Bernd Ihno Eilts: Was waren deine Lieblinge im klassischen Bereich?

Frank Wingold: Das war die Barockmusik, Bach habe ich sehr gerne gespielt. Und dann die Musik aus dem 20. Jahrhundert. Frank Martin und Leo Brauer. Die klassische romantische Periode hat mich allerdings niemals wirklich interessiert. Dann schon eher brasilianische Musik oder südamerikanische Musik. Aber auch die Musik kam vor allem aus dem 20. Jahrhundert. Während meiner Anfänge auf der Jazzgitarre habe ich zum ersten Mal ein Plektrum in die Hand genommen und dann gelernt, damit zu spielen. Das ging auch irgendwie alles ganz gut.

Bernd Ihno Eilts: Ein Plektrum spielt man doch nur mit 2 Fingern, oder?

Frank Wingold: Genau! Man hält es zwischen Daumen und Zeigefinger fest. Ich selbst habe dann immer kombiniert, mit dem Plektrum und den Fingern zusammen, aus dem Fingerpicking. Über Jahre habe ich so ein Ding entwickelt, bei dem ich ein Plektrum mit einem Gummiband am Finger befestigen konnte. Damit konnte ich dann ganz normal mit den Fingern spielen ohne das das Plektrum herunterfallen konnte.

Frank Wingold live in De Smederij/Groningen – Niederlande.

Bernd Ihno Eilts: Das war dann am Daumen befestigt?

Frank Wingold: Genau. Aber nicht so wie ein Daumenpick, ich habe dann immer mit dem Daumennagel gespielt und mit den Fingern. Aber das hat auch ganz gut funktioniert. Jahrzehntelang war ich damit jedoch immer irgendwie unzufrieden. Ich weiß nicht genau warum, aber meine Theorie heute ist, was man in einem bestimmten Alter macht, einen so enorm prägt, dass man eigentlich sein ganzes Leben damit herumläuft (lacht). Vor etwa 4 oder 5 Jahren habe ich meine Technik komplett umgestellt. Da habe ich das Plektrum weggeschmissen und eine Art Daumenplektrum entwickelt. Es ist mit einem Ring befestigt. Das mache ich nun auch selber. Daneben habe ich meine Fingernägel extrem verstärkt. Dadurch steht mir jetzt eine Technik zur Verfügung, bei der ich gar keinen Wechselschlag mit dem Daumenpick mehr benötige. Nun mache ich die Abschläge mit dem Daumenpick und die Aufschläge mit dem Zeigefinger. Die anderen Finger benutze ich aber auch. Das bedeutet, dass ich sofort auf Akkorde Zugriff habe, auf große Intervalle, Mehrstimmigkeit und andere Läufe, ohne dass ich irgendwie hin und her schalten muß. Es gibt ja auch sehr viele Leute, die klemmen das Plektrum im Zeigefinger ein oder nehmen es in den Mund oder kleben es sich auf die Stirn und nehmen es dann während des Spiels schnell zurück. Aber das funktioniert bei mir nicht. Ich mache nämlich alles immer gleichzeitig.

Bernd Ihno Eilts: Das geht dann auch sehr schnell? Es muss ja auch immer sehr schnell laufen, oder nicht?

Frank Wingold: Ja, genau. Es muss einfach immer präsent sein. Wenn der Impuls erscheint, sollte ich nicht mehr über die Bewegung nachdenken, sondern es reicht der Impuls. Die Bewegung erscheint dann ganz einfach. Es ist vergleichbar mit dem Impuls, eine Kaffeetasse in die Hand zu nehmen und das köstliche Nass trinken zu wollen. Der Impuls reicht dann ja und über die Bewegung muss ich dann nicht mehr nachdenken. Die Bewegung erscheint aus dem Willen, der Absicht heraus. Genauso wünsche ich mir das. Und genau so funktioniert es dann bei mir. Es war schon etwas krass, nach etwa 30 Jahren meine Technik umzustellen und das Plektrum zu entsorgen (lacht). Dann hat es schon etwas gedauert, aber nun bin ich viel zufriedener. Haptisch ist das ein Gefühl, das ich als Fünfzehnjähriger hatte. Und irgendwie fühlt man sich dort dann wieder mehr zuhause. Ich bin natürlich ganz anders, aber rein haptisch ist es eben dieses Gefühl.

Bernd Ihno Eilts: Seit wann machst du das nun ganz offiziell?

Frank Wingold: Etwa seit 4 oder 5 Jahren.

Bernd Ihno Eilts: Hat sich dann in der Zeit auch deine Musik verändert?

Frank Wingold: Ich glaube, das sich mein Spiel gravierend verändert hat, zum Beispiel in der Improvisation. Doch haben sich dadurch meine Kompositionen nicht verändert. Denn ich habe ja vorher auch schon alles mit den Fingern gespielt. Doch die Art meines Spielens ist nun kristallisierter und klarer geworden. Man könnte es einen pianistischen Ansatz nennen. Und ich denke, dass ich dies nun viel besser nach außen projektieren kann. Diese Technik kann es.

Bernd Ihno Eilts: Gestern fiel mir auf, das innerhalb deines Spiels die ganze Zeit unaufhörlich sehr viel passiert. Du bist so unglaublich frei in allem, was du machst. Es war für mich absolut atemberaubend, dies zu erleben! Als das Konzert beendet war entstand in mir der Wunsch, noch ein weiteres Konzert zu erleben und dann noch ein weiteres, und dann bitte auch in einer Triobesetzung. Weil dort so viel Freiraum besteht, so viele Möglichkeiten anwesend sind. Das Publikum, das ich sah, war echt vollkommen weg. Ich meine, man braucht ja am Anfang immer etwas Zeit, um sich in die Musik hereinzutasten und sich zu gewöhnen. Aber wenn das dann alles gut läuft und die Musik einen wirklich anspricht, dann passiert da soviel, das ist wirklich ein unglaublicher Akt! Es ist ja bei dir nicht nur die rechte Hand, die greift, sondern auch die linke, und es erscheint, als seien dann fünf oder gar sechs Hände zugleich, die da am Wirken sind. Bei anderen Gitarristen sieht man solch eine Aktion ja viel weniger. Dann sieht man häufig ein Plektrum, und auch ein Fingerspiel. Aber dann ist die Freiheit tatsächlich eingeschränkt.

Frank Wingold: Es ist eben auch das, was mir die Zeit im Kopf herumschwirrt und das kommt meines Erachtens auch von der klassischen Gitarre. Zum einen sind es dann diese Barockstücke, die mehrstimmig sind, Fugen habe ich sehr geliebt. Aber eben auch zeitgenössische Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert. Die haben eine besondere Mehrschichtigkeit, eine Synchronizität, so eine Gleichzeitigkeit von verschiedenen Ebenen. Ich kann das selber nicht so genau definieren, aber das ist der Drang bei mir, der dahinter steckt.

Bernd Ihno Eilts: Wo hast du studiert?

Frank Wingold: In Hilversum, in den Niederlanden.

Bernd Ihno Eilts: War das dort die klassische Ausbildung?

Frank Wingold: Dort habe ich Jazz studiert. Aber ich hatte dort das große Glück, das ich auch noch einen Abschluss in klassischer Gitarre machen konnte. Ich hatte die ganze Zeit im Nebenfach Unterricht der klassischen Gitarre, der sehr gut war. Im letzten Jahr habe ich dann ein in Deutschland vergleichbares Konzertexamen gemacht, was es mittlerweile seit der Einführung des Bachelor/Master Systems nicht mehr gibt. Aber es gab diese Unterrichtsreife und dann gab es diese Konzertreife. Dem entsprach das damals auch. Dann habe ich im letzten Jahr meines Studiums diese Konzertreife im Jazz gemacht und hatte dann sehr viel Zeit zur Verfügung. In dem Jahr durfte ich dann noch so eine Art Intensivstudium klassische Gitarre absolvieren und auch meinen Abschluss darin machen. Das war wirklich super. Denn dabei war es die Zielgerichtetheit, die in der klassischen Tradition auch in der Art des Gelehrtwerdens, der Vermittlung der Genauigkeit in allen Details hervortrat. Momente, die man sich kaum vorstellen kann und die mir einfach unglaublich viel gebracht haben. Ich habe niemals angestrebt, eine klassische Konzertkarriere als klassischer Gitarrist zu beginnen. Weil das so unglaublich hart ist. Gitarre ist ja auch kein Orchesterinstrument, man kommt also nicht in ein Orchester. Das bedeutet, entweder ein Leben lang auf einer Musikschule zu sein oder eine Solo Karriere anzustreben, was aber nur wenige schaffen. Und das ist eben ganz krass. Dann sitzt du da zwei Stunden mit deiner akustischen Gitarre, unverstärkt und spielst Stücke und alle warten nur darauf, dass du irgendwelche Fehler machst (lacht). Das habe ich nie angestrebt. Mich hat das immer als Transportmittel interessiert, für diese ganzen Informationen und Ästethetiken, die in der klassischen Musik umherschwirren und die anders sind als im Jazz.

Bernd Ihno Eilts: Was hast du da hauptsächlich gelernt, was fruchtbar war auch für deine heutigen Tage?

Frank Wingold: Als ich als Jugendlicher klassischen Gitarrenunterricht genommen habe, hatte ich das Gefühl, zum ersten mal Musik zu lernen. Lernen, wie Musik funktioniert. Lernen, wie Melodie bogenphrasiert wird. Wie man in einem zweistimmigen Stück beiden Stimmen unabhängig voneinander wahrnehmen kann und hört. Und versucht, Fingersätze so zu gestalten, bei der beide Stimmen wirklich zur Geltung kommen. Das es nicht so ein motorisches Abspulen von Bewegungen ist, sondern das dort wirklich eine Bewusstheit in jeder Melodie drin steckt. Diese Klangfarbenabstufungen zwischen begleitenden Stimmen und führenden Stimmen. Die verschiedenen Klangfarben, die man auf einer klassischen Gitarre erzeugen kann. Da ist die klassische Gitarre der E-Gitarre total überlegen. Sie ist viel viel leiser. Beethoven oder jemand anders hat gesagt: “Gitarre ist ein Kleinstorchester”. Das bezieht sich auf die ganzen Klangfarben, die in einer akustischen Gitarre vorhanden sind. Davon habe ich sehr viel gelernt. Während meines späteren Studiums hat mich die intensive Auseinandersetzung mit Musik von zeitgenössischen Komponisten auch unheimlich für meine eigene Art zu komponieren inspiriert. Es ist natürlich etwas schwer, dies in Worten zu erklären. Im Jazz denkt man sehr viel in Akkorden und Melodien. Basslauf, Bassgroove, da drüber eine Melodie. Rhythmische Akzente usw. und so fort. Diese ganzen subtilen Texturen, die es in der klassischen Musik gibt, die ein Streichquartett hat oder so was, vieles davon gibt es ja gar nicht. Und es ist auch nicht so leicht, dies umzusetzen. Aber dennoch haben mich diese Themen immer sehr stark interessiert. Das fließt halt alles ein. Man ist dann so ähnlich wie eine Blackbox, oben kommt was rein und unten kommt was raus. Und was dazwischen passiert, da hat man nur bedingt Zugriff drauf. Das kennst du ja als Künstler wahrscheinlich auch. Wenn du irgendetwas produzierst, sind dort natürlich die Einflüsse drin, von Dingen, die du gesehen hast, die du kennst. Aber warum das jetzt genau so sein muss, das weiß kein Mensch. Man kann ja nur am Input schrauben, am Output kann man das ja eigentlich gar nicht (lacht).

Bernd Ihno Eilts: Ist dies auch der Grund, warum du gestern Abend eine halb akustische Gitarre gespielt hast?

Frank Wingold: Ja, das kann man so sagen. Wenn man mit einem Schlagzeug spielt, bewegt man sich auf einem viel höheren Lautstärkeniveau. Die Gitarre ist ein Instrument, das leicht versuppt. Gerade bei meiner Art des Spielens, wenn eben auch mehrschichtige Sachen geschehen, ist es nicht ganz so leicht, die in der zweiten und dritten Ebene stattfindenden Dinge zu projektieren. So das sie noch wirklich wahrnehmbar sind. Dass so eine Trennung stattfindet und dass die genügend Körperlichkeit besitzen um sie auch noch tatsächlich wahrnehmen zu können. Das macht solch eine halb akustische Gitarre einfach besser. Da ist einfach mehr Holz.

Bernd Ihno Eilts: Das klingt gut (lacht)! Ich weiß ja, das du am Prins Claus Conservatorium (PCC) hier in Groningen schon seit sicherlich 10 Jahren unterrichtest, aber eben auch an der deutschen Musikhochschule in Osnabrück. Was genau unterrichtest du?

Frank Wingold: Hauptsächlich unterrichte ich im Hauptfach Jazzgitarre.

Bernd Ihno Eilts: Und was lernt man da?

Frank Wingold: Das ist eine gute Frage! Da lernt man die Grundlagen dessen, was man braucht, um auf dem freien Markt als Jazzgitarrist zu bestehen. Der Knackpunkt für die meisten ist die Fähigkeit, über Akkordfolgen zu improvisieren. Viele Gitarristen, wie ich vorher schon erwähnte, haben einen Hintergrund im Blues, im Rock, im Heavy Metal, und da wird ja auch improvisiert. Da gibt es bekanntlich ja auch Solos. Die sind dann zum größten Teil modal. Das heißt, die bewegen sich in einem nicht veränderlichen harmonischen Zusammenhang. Sprich, in einer Tonleiter. Selbst wenn dort Akkordfolgen sind, dann sind die meistens in einer Tonart. Das ist etwas vereinfacht gesprochen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Nun gibt es wahrscheinlich jede Menge Rockmusiker, die die Hände über den Kopf zusammenschlagen, wenn sie dies lesen. Aber ich sage dies grob verallgemeinert. Es ist zumindest, was die meisten kennen, da es relativ schnell zu einem Erfolgserlebnis führt. Man lernt relativ wenig Material und kann dann relativ einfach sehr frei damit umgehen. Das ist ein sehr befriedigendes Gefühl. Wenn jemand lernt, über einen Blues zu improvisieren, ist es nicht so wahnsinnig schwer und es macht einfach tierisch Spaß.
Im Jazz ist es halt so, dass man auch total frei spielen kann. Aber man muss halt weitaus mehr Vokabular können. Solange man das noch nicht kann, spielt das Gehirn halt noch die ganze Zeit mit und man bekommt das Gefühl, dass man das niemals lernt. Dass alles viel zu kompliziert und total verkopfte Musik ist. Das ist der Knackpunkt. Auch die Gitarre ist ein Instrument, bei der die melodische Orientierung nicht so ganz übersichtlich ist, wie es zum Beispiel beim Klavier der Fall ist. Das Klavier ist ja total übersichtlich. Und da kämpfen viele relativ lange mit. Da greife ich dann ein. Da habe ich einen Werkzeugkasten und kann dann daran herumschrauben.

Bernd Ihno Eilts: Was ist das für ein Werkzeugkasten, was ist da drin?

Frank Wingold: Das sind einfach spezielle Übungen. Die meisten stehen halt davor wie der Ochs vorm Berg. Sie sind völlig hilflos, wissen nicht, wie es funktioniert, wenn sie bestimmte Aufnahmen hören, das cool finden und das dann selbst umsetzen möchten, aber eben selber überhaupt nicht cool klingen. Dann muss ich schrittweise Übungen an die Hand geben, die helfen, dies zu erreichen. Ich gebe in Osnabrück auch Combounterricht, das bedeutet, dass ich eine ganze Band unterrichte und coache. Hier in Groningen wie aber auch in Osnabrück mache ich einen Gruppenunterricht für Gitarristen. Da werden dann bestimmte Themen in der Gruppe besprochen, das ist häufig sehr unterschiedlich.

Bernd Ihno Eilts: Eine Gruppe ist dann eine Unterrichtsklasse?

Frank Wingold: Genau. Aber es sind alles Gitarristen. In Osnabrück mache ich dann auch noch Fachdidaktik, das ist die Didaktik auf dem Instrument. Wenn man also unterrichtet und dies dann sehr stark auf das Instrument bezieht. Nicht mit Methodik oder allgemeiner Didaktik oder Unterrichtspsychologie, sondern ganz konkret: wie bringt man jemandem dieses Instrument bei, wie hält man es, wie vermittelt man es, wie macht man das in den Anfängen, wie macht man das bei Fortgeschrittenen, welche Literatur gibt es, welche Hilfsmittel nimmt man in Anspruch, das ist Fachdidaktik.

Bernd Ihno Eilts: Gibt es da auch Unterschiede bei Gitarristen, die zum Beispiel während eines Konzertes stehen oder sitzen?

Frank Wingold: Ja, klar. Das ist sehr unterschiedlich. Manche sagen, das sie nur im Sitzen spielen können, manche behaupten, das sie nur im Stehen spielen können. Manchen ist es egal. Manche machen es nur so, wie es am besten aussieht, das ist total unterschiedlich. Jazzgitarristen haben ja meist ihre Gitarre nicht in der Kniekehle hängen, das geht ja gar nicht. Dafür ist das technisch ja viel zu anspruchsvoll. Die meisten versuchen halt, wenn sie stehen, die Gitarre in einer möglichst ähnlichen Position zu haben wie wenn sie sitzen, durch den Gurt.

Bernd Ihno Eilts: Du unterrichtest hier am PCC in Groningen, da gibt es ja eine enge Beziehung mit den USA. Viele Lehrer kommen aus den Staaten hierher in wöchentlichem Wechsel. Hast du mit denen auch zu tun? Und was ist für dich überhaupt der größte Unterschied zwischen deiner Arbeit hier in Groningen und in Osnabrück?

Frank Wingold: Das USA-Programm, das wir hier haben, ist ja bekannt unter dem Namen “New York Comes To Groningen”. Da Joris Teepe (Direktor vom Jazz Department am PCC) viele Jahre in New York gelebt hat und dort auch noch immer einen Fuß hat, ist er sehr zuhause in der New Yorker Jazzszene und hat sehr viele Kontakte zu den ganzen Stars dort. So gut wie jede Woche im Schuljahr ist einer der USA-Lehrer hier, eine ganze Woche, von Montag bis Freitag und gibt halt zusätzlichen Unterricht. Die machen dann bestimmte Masterklassen, geben dann auf ihren Instrumenten zusätzlichen Hauptfachunterricht, Listening Classes. Und das ist wirklich super! Ich kenne Leute, die fahren für extra viel Geld nach New York, nur um von Jonathan Kreisberg und Paul Bollenback, die jetzt gerade hier für uns die USA-Lehrer für Gitarre sind, noch mal irgendwie möglicht eine Unterrichtsstunde von denen zu bekommen. Das sind ja wirklich die Gitarrenhelden dieser Zeit! Wenn man dann hier in Groningen studiert, kommen diese Helden zu dir, du musst nicht zu denen kommen (lacht) und du musst dafür nicht einmal extra bezahlen. Das ist natürlich schon extrem genial.
Wir haben immer mal wieder miteinander zu tun. Mal gibt es so eine Masterklasse, wo man miteinander spielt, oder es gibt ein gitarristisches Event, wo man zusammen spielt. Das ist eigentlich sehr sehr nett.
Der Unterschied zwischen Groningen und Osnabrück, den ich in meiner täglichen Arbeit erlebe, ist geprägt durch diesen Mentalitätsunterschied. Hier in Groningen ist die Unterrichtssprache englisch und dadurch ist es hier unglaublich international. Die United Nations of Groningen! Ich habe Studenten aus Korea, aus Italien, Spanien, Griechenland, Bulgarien, Russland, Holland und Deutschland. Sie kommen von überall. Das ist wirklich so ein Schmelztiegel von Mentalitäten und das merkt man schon. In Deutschland, also in Osnabrück ist die Unterrichtssprache deutsch. Dafür interessieren sich auch immer wieder viele Ausländer, weil wir dort auch ein sehr gutes Angebot von Lehrern haben. Viele gute Leute aus der Kölner und Berliner Szene unterrichten dort. Aber das scheitert halt oft an den sprachlichen Anforderungen. Deutsch kann ja fast niemand als Fremdsprache. Das bedeutet, dass ich dort fast ausschließlich mit deutschen Studenten zu tun habe. Was ich auch ganz nett finde, weil es halt meine Muttersprache ist und es sind alles solche Jungs, wie ich einer war sozusagen (lacht). Denen fühle ich mich auch sehr nah. Aber ich genieße diesen Unterschied sehr. Gerade durch den relativ hohen Anteil von Südländern ist so ein Gruppenunterricht oder ein Ensembleunterricht eine völlig andere Kommunikationskultur. Die kommunizieren einfach viel mehr. Die Hemmschwelle, Fragen zu stellen, oder einen eigenen Kommentar, ein Feedback abzugeben ist viel niedriger. Das finde ich sehr schön.

Bernd Ihno Eilts: Ist es in Deutschland so, dass die Studenten eine größere Ehrfurcht haben vor dem Professor, dem Lehrer sozusagen?

Frank Wingold: Wir versuchen alle, es mit dieser Ehrfurcht nicht so weit kommen zu lassen. Wir versuchen unsere Studenten so zu behandeln wie unsere zukünftigen Kollegen. Sagen wir mal so: wenn eine Ehrfurcht darauf beruht, dass die es gut finden, wie wir spielen, dann ist es okay. Aber wenn sie nur auf Grund so einer Autoritätsgläubigkeit, viele sind ja auch relativ jung, in Deutschland gibt es ja das 12er Abi, die Wehrpflicht ist abgeschafft, da sind dann einige noch relativ jung und die haben dann manchmal noch so eine Schulmentalität, so wie: was muss ich tun, um das zu tun, was die da wollen. Und das müssen die dann erst mal lernen, das es die eigene Verantwortung ist. Du hast dich entschieden, Musiker zu werden, dann trage auch die Konsequenzen und gehe deinen eigenen Weg. Aber die Deutschen sind halt allgemein ein bisschen reservierter. Was ich aber gar nicht unbedingt bewerten will. Es ist nur einfach eine Feststellung. Und ich genieße den Unterschied.

Bernd Ihno Eilts: Laß uns zurückkehren zu deiner Musik. In den letzten Jahren hast du selber viel Musik auf dem Label ENJA herausgebracht.

Frank Wingold: Ja, das stimmt. Allerdings ist ENJA nicht unbedingt mein Plattenlabel. Denn ich habe auch Platten mit der Band Underkarl gemacht, die bei ENJA herausgekommen sind. Das ist hauptsächlich die Band des Bassisten Sebastian Gramss. Es sind ein paar Platten bei ENJA herausgekommen, wobei die letzte auch schon bei “rent a dog” (www.rattaymusic.de) in Aachen herausgekommen ist. Es ist ein sehr kleines Label, aber der Manager ist ein sehr umtriebiger Typ und macht seinen Job wirklich sehr gut. Dann gibt es eine Platte mit Efrat Alony, einer israelischen Sängerin, die in Berlin wohnt. Und die Platte ist auch bei ENJA herausgekommen. Dennoch möchte ich es nicht als mein Plattenlabel bezeichnen. Wenn ich meine nächste Trio- oder Duo-CD mache, müsste ich bei ENJA genauso Klinkenputzen wie bei jedem anderen Label auch und wie jeder andere Musiker es auch müsste. Da habe ich nicht unbedingt einen Vorteil, weil ich mal Sideman bei zwei Projekten war. Es ist ja nach wie vor ein schwieriges Geschäft. Die Plattenlabel haben schon sehr zu leiden. Das ist ja bekannt, im Zusammenhang mit dem Streaming und MP3 Dateien, Raubkopien und wer kauft denn wirklich noch CDs?

Bernd Ihno Eilts: Dann läuft das Geschäft für dich also mehr über Auftritte und die Lehrtätigkeit?

Frank Wingold: Ja. Bei Auftritten verkauft man natürlich auch CDs. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nie wirklich viel verkauft in Läden oder über das Internet. Und das trifft eigentlich auf sehr viele Musiker zu. Dass man von CDs reich wird, ich sage immer, das ist eine teure Visitenkarte. Und ich weiss gar nicht, ob du das unbedingt schreiben solltest (lacht).

Bernd Ihno Eilts: Gut, dass du es sagst! Was sind eigentlich deine Vorbilder und größten Einflüsse, solche, die dich geprägt haben und es immer noch tun?

Frank Wingold: Natürlich beschäftige ich mich auch von Berufs wegen mit den zeitgenössischen Jazzgitarristen und auch allen zeitgenössischen Jazzmusikern. Das finde ich auch inspirierend, obwohl es mir auch manchmal ganz einfach zu nahe ist. Das es mich wirklich ganz unbelastet inspiriert, funktioniert nicht immer so gut. Dann ist etwas zu viel der Kopf dabei. Ein Jazzmusiker, den ich immer hören kann, der mich immer wegbläst, ist Keith Jarrett. Ich habe ihn schon als Student rauf und runter gehört und er ist nach wie vor unglaublich. Diese Präzision, diese Energie, ich kann es manchmal gar nicht aushalten (lacht)! Dann muss ich es mitten im Stück unterbrechen oder abschalten (lacht), weil es so intensiv ist.
Dann bin ich auch ein großer Fan von Conlon Nancarrow, einem amerikanischen Komponisten (1912 – 1997). Er ist für mich auch ein Vorbild in Bezug auf Konsequenz. Er hat einige Probleme mit der amerikanischen Regierung bekommen, weil er den Kommunisten etwas nahe stand. Dann ist er nach Mexico ausgewandert und hat sein Leben lang komponiert mit relativ wenig Anerkennung. Erst gegen Ende seines Lebens ist er entdeckt worden. Er hat beinahe ausschließlich für das Player-Piano komponiert, das ist das mechanische Klavier. Er hat seine Musik direkt auf diese Walzen komponiert. Er konnte rhythmische Konstellationen herstellen mit ganz feinen Millimetermaßen, die in Notenschrift gar nicht darstellbar sind. Eine Stimme wird schneller, eine Stimme wird langsamer, was eigentlich mit echten Musikern überhaupt nicht funktioniert. Mir gefällt auch nicht alles, aber es gibt Stücke von ihm, die sind so unglaublich visionär, das gefällt mir einfach sehr gut. Dieses Player-Piano klingt natürlich auf die Dauer etwas mechanisch, wie der Name es schon sagt, aber es gibt vom Ensemble Modern Bearbeitungen für Kammerensemble. Das klingt wie Musik von einem ganz entfernten Planeten. So was finde ich sehr inspirierend. Dann gefallen mir immer noch sehr viele Stücke von Frank Zappa, aber gar nicht so sehr seine Rockmusik, sondern eher seine klassischen Sachen, auch die Musik, die er für das Synklavier komponiert hat.

Bernd Ihno Eilts: Auch seine Werke, die er mit und für das Ensemble Modern eingespielt hat?

Frank Wingold: Ja, ganz genau. Auch kombinierte Werke mit echten Instrumenten und dem Synklavier. Das Synklavier war ja im Prinzip so ein Vorläufer vom Harddisk-Recorder, den man heute kennt. Das ist auch eine sehr starke visionäre Musik, vergleichbar mit einer UFO Landung und den Außerirdischen, die uns dann ihre Musik zeigen. So eine fertige Musik, die praktisch in einer anderen Menschheit gewachsen ist. Ich übertreibe jetzt ein bisschen (lacht)! Dieses Gefühl ist absolut anders als das, was man normalerweise hören und vergleichen kann. Total faszinierend!
Dann liebe ich Musik des französischen Komponisten Henri Dutilleux (1916 – 2013). Er ist erst vor kurzem gestorben, er ist wahrlich steinalt geworden. Er hat ganz wenig geschrieben in seinem langen Leben, aber sehr feine und sehr farbenreiche Musik für Orchester, für Streichquartett usw. Das ist Musik, die mich inspiriert. Ansonsten inspirieren mich Zeichnungen, Skizzen von Künstlern wie Jean Dubuffet oder August Macke. Ich mag auch Malerei, den Expressionismus, aber ich mag auch sehr gerne schnell gezeichnete Werke.

Frank Wingold im Gespräch mit Bernd Ihno Eilts in Groningen/Niederlande.

Bernd Ihno Eilts: Wie sieht es aus mit Philosophie und Literatur?

Frank Wingold: Literatur interessiert mich sehr. Ich bin ein großer Freund von Haruki Murakami, seine Bücher gefallen mir extrem gut. Philip Roth mag ich ebenso und auch Paul Auster. Und Karl Ove Knausgård, ein norwegischer Schriftsteller, der eigentlich nur sein Leben aufgeschrieben hat. Aber so ganz schonungslos, selbstentblößend, sehr authentisch. Erst vor kurzem habe ich das wahnsinnig interessante Buch “Eine kurze Geschichte der Menschheit” von dem israelischen Schriftsteller Yuval Noah Harari gelesen. Er beschreibt, wie der Mensch seit der frühen Urzeit, als es noch mehrere unterschiedliche Menschentypen gab, in der Zeit, in der der Neandertaler noch lebte. Der Homo Sapiens und der Neandertaler haben ja noch gleichzeitig nebeneinander existiert und sind sich ja begegnet. Man weiss natürlich nicht ganz genau, was passiert ist, ob sie sich geliebt haben. Angeblich haben wir alle ja noch ungefähr 4 Prozent Neandertalergene in uns. Aber es gibt auch eine Theorie, die besagt, dass der Homo Sapiens den Neandertaler ausgerottet hat, weil er einen Evolutionsvorteil hatte. Harari beschreibt sehr anschaulich, dass der Homo Sapiens den allergrößten Teil seiner Zeit, den er bisher auf der Erde zurückgelegt hat, als Freibeuter gelebt hat, in kleinen Gruppen umherziehend, und keinen Ackerbau betrieben hat. Dann sehr anschaulich, wie das dann losging mit dem Ackerbau und der Sesshaftwerdung bis hin in unsere heutige Zeit mit künstlicher Intelligenz, Reproduktionsmedizin und was passiert, wenn wir noch detaillierter in unser Genmaterial eingreifen, sehr stark visionär. Man versteht sich besser als Mensch, wenn man dieses Buch gelesen hat, ich kann es sehr empfehlen.

Bernd Ihno Eilts: Meine nächste Frage möchte gerne klären, inwieweit Jazz und Deutschsein zusammengehört. Du bist je ein deutscher Jazzmusiker. Die deutschen Jazzströmungen sind ja alle in etwa, mit Ausnahmen, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Es gibt auch heutzutage noch immer sehr interessante und weltberühmte Jazzströmungen, die ihre Wurzeln in Deutschland haben. Wie verstehst du dich und deine Arbeit in Verbindung mit dem Deutschsein oder den deutschen Strömungen im Jazz?

Frank Wingold: Deutsch finde ich gar nicht so wichtig. Die Crux ist mehr europäisch und amerikanisch. Vor allem, weil die Musik natürlich in Amerika entstanden ist. Und sie nennt sich ja auch die einzige originäre amerikanische Kulturleistung. Als Europäer ist man von Anfang an damit konfrontiert, auch mit der Frage: Soll man dem jetzt nacheifern, soll man versuchen, da mitzumischen, soll man versuchen, eine eigene Identität zu finden? Ich habe dieses Thema für mich so ein bisschen ad acta gelegt. Ich finde nämlich, dass sich alles sehr vermischt. Als ich Student war, habe ich mich sehr viel mit Bill Frisell auseinandergesetzt, und der klingt für mich teilweise europäischer als so mancher Europäer. Es gibt Platten, auf denen er sehr starke kammermusikalische Sachen macht, was mir auch sehr gut gefällt. Bei mir besteht eben der Hintergrund der klassischen Musik. Und den lebe ich auch ganz bewusst aus. Ich denke, dass dies ein wichtiges Merkmal von mir ist. Das ist natürlich hier in Europa sehr stark verankert. Dies gibt es in vielen Ländern. So sind die Franzosen da sehr gut drin, die haben auch einen sehr stolzen Umgang mit ihrer Volksmusik. Louis Sclavis und auch der Geiger Dominique Pifarelli, die bretonische Musik mit Jazz vermischen.

Bernd Ihno Eilts: Die Italiener machen das ja auch sehr bewusst und stolz und gut.

Frank Wingold: Genau. Das machen so einige europäische Länder sehr bewusst, und damit haben wir als Deutsche natürlich so ein bisschen ein Problem. Deutsche Volksmusik mit Jazz zu vermischen.. ich meine, es gab auch hier und da einmal lustige Sachen in der Richtung. Es gibt ja auch diese Neue Volksmusik, die von jungen Leuten gemacht wird, verbunden mit Rock, verbunden mit DJs. In Süddeutschland gibt es das. Der Umgang damit wird auch viel lockerer. Dieses ganze Nazi-Assoziationsfeld, das lässt auch jetzt so ein bisschen und langsam nach. Dennoch, so eine aufrichtige Liebe zur Volksmusik kann man bei mir absolut nicht finden (lacht). Ich finde, das die deutsche Kunstmusik unsere Volksmusik ist.

Bernd Ihno Eilts: Fühlst du dich besser in der Rolle als Bandleader oder als Sideman? Auf Youtube habe ich viel von dir entdeckt, und dabei fiel mir auf, das es auch viele Solovideos von dir gibt. Oder eben auch kleinere Besetzungen unter anderem. Was ist für dich persönlich am schönsten, um dies auszuleben?

Frank Wingold: Am meisten befriedigt es mich, wenn ich meine eigenen Sachen mache. Man wird ja auch mit den Jahren sehr anspruchsvoll und hat dann auch sehr genaue Vorstellungen davon, was für eine Musik man gerne machen möchte. Daneben hat das Sideman-Dasein auch seine Vorzüge, da man dabei nicht ganz so viel Verantwortung trägt. Allein schon organisatorisch. Dabei fühlt man sich dann teilweise auch viel freier. Schon die Tatsache, das man die Stücke gar nicht selber geschrieben hat, die man vorgesetzt bekommt, lässt einen viel unbedarfteren Zugang zu. Gerade als Jazzmusiker, wenn man viel improvisiert und viel aus der Luft holt im Moment, kann das auch sehr inspirierend sein. Ich mag beides gerne. Zumindest, wenn es sich um ein Projekt handelt, das ich mag. Zum Beispiel mit Underkarl, oder mit Efrat Alony, das mache ich alles wahnsinnig gerne.

Bernd Ihno Eilts: Du spielst deine eigene Musik sehr häufig und hast dabei deine eigene Sprache entwickelt, was ich außergewöhnlich schön finde, auch als Zuhörer deines Konzertes gestern Abend. Vor allem, weil deine Sprache auch sehr kraftvoll ist und sich von anderen abhebt und absetzt. Was überhaupt bedeutet dir eigentlich Freiheit in der Musik?

Frank Wingold: Das ist eine “intriguing question” würde man auf Englisch sagen. Freiheit hat natürlich auch ihre ganz freie Szene, die frei improvisierende Szene.

Bernd Ihno Eilts: Der Free Jazz oder der Impro Jazz.

Frank Wingold: Genau. Wo es fantastische Musiker gibt und auch fantastische Projekte, aber wo es auch einige Leute gibt, die halt sehr dogmatisch sind, was dann eigentlich wieder total absurd ist. Lass es mich positiv formulieren. Ich finde das halt eine Freiheit, dass man sich auch dazu entscheiden kann, sich zu limitieren. Es ist sehr unfrei, wenn alles, das nach Puls klingt, alles, was nach Harmonie klingt, alles, was nach Struktur klingt abgelehnt wird. Das bedeutet für mich keine Freiheit, sondern Dogmatismus. Ich liebe es, wenn es möglich ist, das sich diese verschiedenen Freiheiten mischen können und dürfen. Mich persönlich interessieren Texturen. Mich interessiert nicht so sehr, ein Stück mit einem coolen Basslauf oder mit einer eingängigen Melodie oder mit schönen Harmonien zu schreiben. Mich interessieren besonders Texturen. Als wenn du nur Punkte siehst und wenn du weiter zurücktrittst, siehst du plötzlich etwas Ganzes. Was natürlich naturalistisch sein kann, oder auch abstrakt. Wo man auf verschiedenen Ebenen die unterschiedlichsten Wahrnehmungsebenen haben kann. So was interessiert mich. Um so was zu organisieren, muss man halt auch schon relativ viel festlegen. Relativ viel komponieren und auch die Art, wie die anderen Musiker damit umgehen, leiten und führen. Nicht jeder kann das dann alles irgendwie so spielen, wie er es gerade empfindet. Da stecken schon relativ dezidierte Ideen dahinter.

Bernd Ihno Eilts: Und auch Ansprüche.

Frank Wingold: Ja genau, auch Ansprüche. Trotzdem muss jeder seine Freiheit dabei einbringen, denn sonst klingt es wie ein klassisches Ensemble. Und das will ich ja auch nicht. Die Musik geht dann auf, dann wird improvisiert, und dann geht es wieder in komponierte Teile, die eben festgelegter sind. Das ist die Qualität von guten zeitgenössischen Jazzmusikern. Dass sie eben nicht nur ihren Streifen spielen können, sondern dass sie das, was sie spielen können, auch sehr unterschiedlichen Ansprüchen und Ideen unterordnen können. Also in den Dienst dessen stellen. Gar nicht unterordnen, sondern das, was sie können, benutzen um das, was konzipiert ist, richtig gut klingen zu lassen. Das finde ich das interessante am zeitgenössischen Jazz.

Bernd Ihno Eilts: Und das ist auch die Freiheit die du selbst empfindest, wenn es darum geht, das zu komponieren, was dir halt wichtig ist?

Frank Wingold: Das zumindest anzustreben, da arbeite ich dran.

Bernd Ihno Eilts: Wie komponierst du eigentlich? Ziehst du dich zurück, oder komponierst du später noch in deinem Hotelzimmer, oder auch unterwegs im Auto, nimmst du unterwegs etwas auf, sprichst du etwas auf dein Telefon, oder spielst du zuhause nur auf der Gitarre oder am Klavier, wie läuft das bei dir?

Frank Wingold in Groningen/Niederlande.

Frank Wingold: Bis auf das Klavier gilt für mich alles, was du gerade gesagt hast (lacht). Klavier spielen kann ich nicht so gut, aber manchmal setze ich mich wirklich hin und komponiere. Dann sammle ich Ideen oder ich habe eine Idee und arbeite daran. Manchmal sitze ich im Auto und singe irgendwas aufs iPhone, manchmal schreibe ich was auf einen Zettel. Ich habe einen Computer und darauf eine ganze Festplatte gefüllt mit Ideen, die ich in meinem Notenschreibprogramm gesammelt habe. Ich habe mir sehr früh schon angewöhnt, das ich jede neue Idee sofort festhalte.

Bernd Ihno Eilts: Alles ist wertvoll?

Frank Wingold: Ob es wertvoll ist, zeigt sich. Vieles wird gar nicht weiterbearbeitet. Ich habe sagen wir mal 50 mal Ideen gehabt und dann gesagt: das ist ja klar, das merke ich mir. Und drei Tage später habe ich es vergessen.Und zwei Wochen später habe ich vergessen, dass ich überhaupt diese Idee hatte. Deswegen habe ich mir angewöhnt, egal was es ist, manchmal ist es nur ein Akkord, eine kleine Melodie, ein winzigstes Movement, vielleicht nur 7 Noten, sofort halte ich es irgendwie fest. Dann nehme ich es auf. Wenn es etwas typisch Gitarristisches ist und ich keine Zeit habe, nehme ich es sogar auf Video auf. Dann kann ich nämlich auch sehen, wie ich es greife. Viele Ideen landen im Notensatzprogramm und vieles ist auch handschriftlich festgelegt. Häufig ist es dann so, wenn ich es dann vergesse, es auch sehr gut ist. Wenn ich es mir dann wieder anhöre, dann höre ich es viel unbedarfter. Dann habe ich tatsächlich keinerlei Erinnerung mehr daran, wann ich es aufgeschrieben habe. Manchmal fügen sich die Dinge dann so zusammen, dann entsteht aus einer kleinen Idee ein Konzept für ein Stück. Aber ich bin da sehr langsam, es dauert unheimlich lange. Manchmal habe ich zwei oder drei Fragmente, bei denen ich dann merke, dass die zusammen gehören und im selben Stück vorkommen.

Bernd Ihno Eilts: Komponierst du jeden Tag?

Frank Wingold: Nein, heute habe ich nicht komponiert. Heute habe ich nur unterrichtet (lacht)!
Aber ich sitze gleich wieder zwei Stunden im Auto und es kann sein, das mir dann irgendetwas Merkwürdiges durch den Kopf geht und dann nehme ich das sofort aufs iPhone auf. Gerade in der letzten Zeit habe ich sehr viel komponiert, weil ich mit zwei Projekten an neuen Programmen arbeite. Das eine ist das Duo mit meiner Frau Martina Gassmann, und das andere ist mit einem Trio, mit zwei Musikern am Bass und Schlagzeug, aus Köln. Sehr kammermusikalische und relativ komplexe Triostücke.

Bernd Ihno Eilts: Wenn du mit deiner Frau zusammenspielst, komponierst du dann auch Texte?

Frank Wingold: Für einige wenige Stücke habe ich das gemacht. Aber die meisten Texte für unsere Arbeit stammen von meiner Frau.

Bernd Ihno Eilts: Wenn du komponierst, gibst du denen natürlich auch Titel. Worauf beziehen die sich?

Frank Wingold: Ach, das finde ich ganz schwierig. Die beziehen sich meistens auf gar nichts.

Bernd Ihno Eilts: Oder auf deinen Sohn Anton, so wie gestern Abend?

Frank Wingold: Ja gut, das ist natürlich eine nette Geschichte und die kann man dann auch gut erzählen. Diese Geschichte war auch wirklich so. “Anton” habe ich komponiert an dem ersten Tag, an dem mein Sohn Anton in den Kindergarten ging. Das war das erste Jahr und das war natürlich auch aufregend. Er war dann plötzlich tagsüber weg und ich hatte einen Moment, in dem ich dachte: jetzt setze ich mich mal hin und dann kam diese Idee und alles kam zusammen. Ansonsten, wenn es glückt, dann ist es ist ein Wort, das einen Vibe, eine Energie beschreibt, die für mich analog zum Stück besteht. Generell mag ich diese Ideen, dass man irgendwo war und etwas sah und daraufhin dann ein Stück geschrieben hat nicht so.

Bernd Ihno Eilts: Nicht ein Titel, wie zum Beispiel “Für meine Großmutter”?

Frank Wingold: Oder so was, nee.

Bernd Ihno Eilts: Dann habe ich gestern Abend gesehen, dass du mit einer ganzen großen Anzahl von Effektgeräten arbeitest. Was benutzt du und wozu sind diese Effekte für dich wichtig?

Frank Wingold: Ich benutze ein Volumen Pedal, damit kann ich mit dem Fuß die Lautstärke der Gitarre steuern. Dann benutze ich ein Hall-Gerät, das hat fast jeder Gitarrist, ein Delay, also ein Echo-Effekt, den ich teilweise gar nicht oder teilweise sehr diskret und teilweise sehr offensiv benutze. Dann habe ich ein Reverse-Delay benutzt, damit klingt es, als wenn die Gitarre rückwärts gespielt wird.

Bernd Ihno Eilts: Oh, cool!

Frank Wingold: (Lacht). Dann habe ich einen Verzerrer, zwei sogar. Dann habe ich einen Equalizer, den ich aber nur benutze, wenn ich in einem Raum spiele, der eine schwierige Akustik hat oder der Verstärker nicht so toll ist. Dann kann man das so ein bisschen kompensieren mit diesem Equalizer. Dann habe ich auch noch einen Freeze. Wenn ich damit einen Ton oder einen Akkord spiele, und drücke auf den Knopf, dann wird das gehalten, und zwar endlos. Den habe ich gestern auch mal benutzt.

Bernd Ihno Eilts: Alle diese Effekte in Kombination sind für dich ständig wichtig? Dieses Handwerkzeug hast du immer dabei?

Frank Wingold: Nein, ich kann auch ohne. Ich finde das nicht so wichtig. Ich versuche mich davon unabhängig zu machen. Die Solostücke, die von mir auf Youtube zu sehen sind, sind komplett effektfrei. Und das liebe ich auch sehr. Das ist dann eher so ein pianistischer Ansatz. Ein Mann, eine Gitarre, ein Kabel, ein Verstärker, und das muss reichen. Alles, was passiert, passiert direkt vor den Augen und Ohren. In einem Bandkontext benutze ich diese Effekte manchmal ganz gerne, dann kann man die Ausdrucksmöglichkeiten etwas erweitern und auch etwas orchestraler denken.

Bernd Ihno Eilts: Wenn du solch ein Konzert hast, so wie gestern Abend in der Smederij hier in Groningen, wo du mit hiesigen Musikern zusammenspielst, also in einer anderen Stadt oder selbst in einem anderen Land, was für ein Repertoire wählst du dann? Wohin zieht es dich dabei? Was ist dir dann wichtig, deine Musik zu präsentieren?

Von links nach rechts: Hans Lass (Kontrabass), Frank Wingold, Steve Altenberg (Schlagzeug) in De Smederij in Groningen/Niederlande.

Frank Wingold: Der große gemeinsame Nenner bei Jazzmusikern sind Standards. Da gibt es viele Standards, die so gut wie alle Jazzer kennen und die man dann auch immer spielen kann. Ich mag es sehr gerne, dieses Repertoire etwas aufzulockern mit meinen eigenen Kompositionen, weil die eine andere Farbe haben. Leider bin ich aber unheimlich schlecht darin, Stücke zu schreiben, die man in einer kurzen Probe einüben kann. Ich selber mache meine Stücke meist viel zu kompliziert (lacht). Gestern Abend haben wir zwei Stücke gespielt, die wir in einer halbstündigen Probe noch eingeübt haben und das ging ganz gut. Aber leider habe ich davon nicht so viele Stücke, meistens wird es schnell komplexer. Aber, wie schon gesagt, man kann immer Standards spielen. Das ist ja das Schöne daran.

Bernd Ihno Eilts: Das befriedigt dich selber auch?

Frank Wingold: Ja! Also ich spiele lieber ein gutes Konzert wo musikalisch etwas passiert und alle irgendwie anwesend und auch zufrieden sind und kommuniziert haben mit Standards. Von mir aus selbst mit einfachen Standards. Besser so, als unterprobte komplizierte Stücke von mir, die dann nur so halb klappen auf der Bühne. Dann spiele ich lieber die Option Nummer eins.

Bernd Ihno Eilts: Welche Standards würdest du heute Abend gerne spielen wollen, falls du heute ein Konzert haben würdest, sozusagen im Traum?

Frank Wingold: (lacht)! Standards die ich mag: Beatrice, How Deep Is The Ocean, Love Song (Tony Williams), I Should Care, My Shining Hour, I Remember April, Blues For Alice, Invitation.

Bernd Ihno Eilts: Ich hörte übrigens, dass die Studenten hier am PCC während ihres Studiums unglaublich viele Standards lernen müssen.

Frank Wingold: Nicht unglaublich viele, sondern 50 sind es.

Bernd Ihno Eilts: Oh, ich hatte noch von viel mehr Stücken gehört.

Frank Wingold: Vielleicht ist die Situation bei anderen Instrumentengruppen etwas anders. Wir machen es so, das die Studenten in den ersten zwei Jahren 50 Standards lernen müssen. Im dritten Jahr noch mal von den komplexeren Standards vielleicht, ohne Zeitdruck, etwa 10, oder auch weniger. Und im letzten Jahr können sie machen, was sie wollen.

Bernd Ihno Eilts: Wie viele Standards hast du so drauf?

Frank Wingold: Ich komme so auf etwa 100.

Bernd Ihno Eilts: Das ist in dir vorhanden und daraus kannst du dich immer bedienen?

Frank Wingold: Ja.

Bernd Ihno Eilts: Ich habe dein Konzert gestern Abend sehr genossen. Gerade auch, weil ich dich bis dahin noch nicht kannte, war das deshalb sehr schön. Dein Solospiel fand ich sehr verblüffend. Die Basis waren halt Akkorde und die wurden weiter transportiert und das mündete in ein komplettes irre feuriges Spiel. Von Anfang bis zum Ende, es hörte auch nicht auf. Für mich entstand da der Vergleich in Gedanken mit expressionistischer Malerei.

Frank Wingold: Das habe ich ja vorhin schon erwähnt.

Bernd Ihno Eilts: Wie hat sich das entwickelt, wenn du zurückdenkst und dann bis heute schaust? Das dies deine Sprache geworden ist? Es war für mich so ein ungeheuerliches Erlebnis, das ich auch überhaupt nicht vergleichen kann mit was oder wem auch immer. Du hast alles gegeben und das absolut durchgezogen, vom Anfang bis zur letzten Note! Echte Kunst, die mir sehr gutgetan hat!

Frank Wingold: (Lacht sehr laut!) Das freut mich zu hören!

Frank Wingold in Groningen/Niederlande.

Bernd Ihno Eilts: Meine Medizin warst du gestern Abend!

Frank Wingold: Mich hat immer die Energie der Musik angesprochen. Auch als ich die Musik noch gar nicht verstanden habe. Falls ich sie denn jetzt verstehe. Wenn ich Miles Davis gehört habe, wenn ich Keith Jarrett gehört habe, wenn ich John Scofield gehört habe, wenn ich Bill Frisell gehört habe. Mich hat immer zuerst die Energie angesprochen und dann erst: was machen die da eigentlich. Wenn ich jetzt eine vollkommen andere Musik höre, einen Bulgarischen Chor oder persische Musik oder Musik, die eine hohe Intensität hat, dann spricht die mich genauso an, obwohl ich davon gar nichts kapiere. Ganz generell muss ich gestehen, dass ich auch gar nicht anders kann. Wenn ich das Instrument in die Hand nehme, dann ist genau das anwesend. Am Anfang war das absolut dilettantisch. Es hat dafür die passende Technik gefehlt, auch das dazugehörige Wissen. Aber diese Energie war immer vorhanden. Ich hatte auch das Glück, da wo ich herkomme, Leute kannte, die einen ähnlichen Drive hatten. Wir haben teilweise unheimlich dilittantische Musik gemacht, aber die Energie hat immer gestimmt (lacht). Das finde ich ein ganz gutes Konzept. “Fake it til you make it”, von grob nach fein. Der Spirit muss stimmen und dann verfeinert man die Details so lange, bis es klappt (lacht). Ich habe während des Studiums Leute kennengelernt, die so eine Mentalität hatten, wie so ein Kunsthandwerker. Okay, ich gehe da jetzt hin, dann zeigen die mir, wie das geht und dann mache ich das so. Mit so einer, ich sage es mal ganz böse: Beamtenmentalität. Das habe ich nie verstanden! Das regt mich auch auf. Das macht mich total fertig. Da werde ich auch immer ein bisschen sauer, wenn meine Studenten so eine Mentalität zeigen. Die dürfen ja wirklich alle Fehler machen, die dürfen jeden Scheiß machen, aber ich kann es nicht haben, wenn sie das alles nur mit halbem Herzen machen. Dann werde ich ungeduldig (lacht).

Bernd Ihno Eilts: Bestrafst du sie dann?

Frank Wingold: Nein. Aber ich versuche ihnen dann einfach klar zu machen, das sie damit nichts erreichen werden. Das ich auch nicht nachvollziehen kann, dass sie den Schritt gemacht haben, überhaupt Musik zu studieren, wenn sie mit solch einer Mentalität spielen. Das kann nicht sein! Da muss irgendetwas gewesen sein, was sie angesprochen hat, diese Entscheidung zu treffen. Meistens handelt es sich ja um Hemmungen. Es ist ja nicht so, dass sie nicht wollen, sondern dass sie nicht können. Dann versuche ich sie zu inspirieren, dass sie diese Energie auch irgendwie herauslassen und damit arbeiten.

Bernd Ihno Eilts: Vor einiger Zeit habe ich ein kurzes Video gesehen von Joe Lovano, aufgenommen während einer Masterklasse. Er hat auf die Frage: “warum unterrichtest du”, geantwortet: “Unterrichten bedeutet für mich: ‘sharing the blessing’ “. Ist das für dich auch so?

Frank Wingold: Dann müsste ich von mir selber behaupten, das ich gesegnet bin. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Gelegenheit habe, ein Leben als Musiker zu führen. Wenn man sich beim unterrichten vor hundert Leute stellt, die einen unendlich bewundern, weil man einen Workshop gibt, ist es was anderes, als das regelmäßige Unterrichten. Man hat da mit sehr vielen Details und auch sehr langweiligen Zwischenschritten zu tun. Und jemanden darin zu betreuen und zu coachen hat auch etwas mit Fleiß und Übersicht zu tun. Das sehe ich auch ein bisschen als meine Aufgabe. Aber natürlich, wenn ich diese Arbeit machen würde, als wenn ich in einem Cafe bedienen würde, wobei es da wahrscheinlich auch Leute gibt, die sehr dedicated sind, das würde für mich nicht funktionieren. Jeder Ton, den man spielt, muß sich aus einem bestimmten Impuls herausschälen. Irgendetwas muss dahinterstecken und das hört man. Selbst wenn es technisch noch ganz ungeschliffen ist, hört man den dahinterstehenden Impuls immer. Das versuche ich zu vermitteln, dass die Studenten das zulassen. Ich bin davon überzeugt, das jeder etwas besitzt, was ihn persönlich ausmacht. Und wenn du das findest, dann kannst du so spielen, das die Leute dir zuhören wollen. Dann bist du vielleicht nicht der Größte auf der Welt, aber du kannst so spielen, dass die Leute aufhorchen, wenn sie dich hören. Gerade das versuche ich zu vermitteln.

Bernd Ihno Eilts: Was ja auch gestern Abend während des Konzertes bei dir passiert ist.

Frank Wingold: Ja hoffentlich (lacht)!

Bernd Ihno Eilts: Auf jeden Fall! Ganz generell interessiert mich, was du in Musik suchst oder was dir Musik gibt? Was findest du in Musik, das dich glücklich macht?

Frank Wingold: Musik ist eine Parallelwelt. Es hat irgendwie einen Effekt auf das Nervensystem, den man nicht beschreiben kann. Ich bin da auch wahnsinnig glücklich drüber, das ich diese Antenne dafür habe, weil wir in so einer visuellen Welt leben. Nichts gegen Videokünstler oder so, aber es ist vieles zu sehr übervisuell heute. Mich stört zum Beispiel auch, das man Musik fast nur noch mit Film verkaufen kann. Dass Youtube so wichtig ist. Warum reicht es nicht, Musik aufzunehmen? Warum hören sich Leute nicht einfach MP3-Aufnahmen an? Nichts gegen diese Filme. Das ist natürlich interessant. Aber ich habe das Gefühl, ohne das geht es gar nicht mehr. Eigentlich ist es ja so: schließ die Augen und du hörst die Musik und es ist eine andere Welt, ein anderer Orbit, ein anderer Planet. Das war schon immer so und das bleibt glücklicherweise auch so. Man wird so ein bisschen wie ein Feinschmecker, es gibt immer weniger Sachen, die einen wirklich umhauen und begeistern. Aber es gibt sie immer zu entdecken.

Bernd Ihno Eilts: Es gibt sie immer wieder!

Frank Wingold: Genau. Und so lange macht es auch Spaß.

Bernd Ihno Eilts: Was hast du noch vor, in der Musik? Wirst du für größere Ensembles schreiben, ein Orchester, oder wo wird es hingehen für dich?

Frank Wingold: Ich habe schon einmal Musik für ein Kammerorchester geschrieben, 2 Stücke für Kammerorchester und Gitarre. Das eine war Witterungen, das andere war Time Machine Repair Shop (Werkstatt für kaputte Zeitmaschinen) und dies war meiner Meinung nach auch das gelungenere Stück. Ich bin eher der Typ für kleine Ensembles. Ein Orchester agiert ja mehr als eine Einheit. Und da geht es ja nicht um die Summe der Individuen, sondern einzig und allein um den Klangkörper. Bands mit sieben oder acht Mitgliedern, oder auch Bigbands sind nicht so mein Ding. Man kann ein Gespräch zu zweit führen, zu dritt, zu viert und dann wird es irgendwann schwierig. Unübersichtlich, obwohl es Leute gibt, die das supertoll machen. Dennoch ist es nicht mein Ding. Ich beschäftige mich im Moment am meisten mit Trio-, Duo- und Solo-Besetzungen. Das erfüllt mich gerade ganz und gar. Ich meine, was noch kommen wird ist dies: ich habe so einen mittelfristigen Traum, nämlich ein kammermusikalisches Ensemble mit vier oder fünf Musikern zu gründen, ohne Schlagzeug. Mit Violine oder Cello und Bassklarinette, also einer sehr kammermusikalischen Besetzung, vor allem aber ohne Schlagzeug. Dadurch einen sehr kompakten und leiseren Sound herzustellen. Doch ist dies ein mittelfristiger Plan. Jetzt versuche ich meine aktuelle Arbeit auf den Punkt zu bringen und auch ein bisschen zu verkaufen. Auch am Marketing zu arbeiten, so ein Schwachpunkt (lacht).

Bernd Ihno Eilts: Ganz generell, ist dieses Leben, das du nun führst, traumhaft? Oder ist es schwer, ist das ein Überlebenskampf, ist das Glück, ist das Freiheit, wie ist das für dich heute, ein Musiker zu sein?

Frank Wingold: Ich bin sehr zufrieden. Ich habe zwei sehr gute Jobs zum Unterrichten. Das ist eine sehr befriedigende erfüllende Arbeit, die mir auch eine gewisse finanzielle Sicherheit gibt. Ich muss also keine Musik spielen, die ich nicht spielen möchte. Das bedeutet, das ich immer noch sehr viel Freiraum habe, mein eigenes Spiel, meine Kompositionen weiter zu entwickeln. Auch aufzutreten und zu proben. Ich habe ein wunderschönes Zuhause, habe einen selbstgebauten Proberaum, einen Arbeitsraum, in dem ich mich wahnsinnig wohl fühle. Ich bin sehr zufrieden. Natürlich wünsche ich mir, das ich irgendwann mal etwas bekannter werde und wirklich gute Gigs habe. Ich wünsche mir, dass meine Musik ein Publikum findet. Dass die Leute, die mit meiner Musik etwas anfangen können, meine Musik auch wirklich finden. Dass ich selbst in einer unbekannten Stadt so bekannt bin, dass sie wissen, wofür ich stehe und dass diejenigen, die es interessiert, dann auch kommen. Dass dies nicht Tausende sind, stört mich überhaupt nicht. Aber die, die es interessiert, soll es erreichen.

Bernd Ihno Eilts: Du lebst in Köln, wie ist die Kölner Musikszene für dich?

Frank Wingold: In Köln gibt es sehr sehr viele gute Musiker, man kann für jede Facette jemanden finden. Die Leute spielen nicht so viel in Köln, weil es dort nicht so viele Gelegenheiten gibt. Für die Größe der Stadt und dafür, dass es eigentlich einmal die Hauptstadt des deutschen Jazz war, heutzutage eine der zwei deutschen Hauptstädte des Jazz, neben Berlin, wenn man das noch sagen kann, ist es leider etwas mager. Es gibt nun sicherlich auch ein paar Münchener, die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, Hamburger vielleicht auch. Ich glaube aber, dass man dies so behaupten kann. Und dafür gibt es halt in Köln wenig. Es ist nicht New York, wo es die ganz vielen Clubs gibt, und auch sogar ein Publikum dafür. Das ist leider etwas stiefmütterlich von der Kulturpolitik. Aber es wird ja dran gearbeitet. Die UDJ (Union Deutscher Jazzmusiker) ist sehr engagiert darin, Jazz auch als förderungswürdige moderne Kunstform stärker ins Bewusstsein zu bekommen. Auch von den Verantwortlichen.

Bernd Ihno Eilts: Würde es dich nicht interessieren, eventuell auch mehr im Ausland tätig zu sein? In den Staaten, oder tust du das schon?

Frank Wingold: Ich hatte Phasen, wo ich viel auf Tour war, auch im Ausland, in Mexico, Indien und in China war ich schon einige Male jeweils. Mit Amerika ist das so ein Ding, New York ist halt der magische Begriff. Geht man nach New York, schafft man’s in New York oder nicht. Dafür bin ich zu alt. Ich werde jetzt nicht mehr nach New York gehen, das muss man machen, wenn man unabhängig ist und auch keine Familie hat. Und etwas Startkapital gehört natürlich auch mit dazu. Meine Musik hat natürlich auch ein bisschen diesen europäischen Twist, den ich in New York auch gar nicht so ohne weiteres unterbringen könnte. Da muss man erst mal funktionieren. Und bei dem, was dort so gerade momentan angesagt ist, wäre ich wahrscheinlich gar nicht der Richtige.

Bernd Ihno Eilts: Könntest du dir vorstellen, mit bekannteren Musikern der europäischen Szene zusammenzuarbeiten? Erik Truffaz zum Beispiel, oder auch dem Amerikaner Nels Cline?

Frank Wingold: Wenn sich das auf einer rein musikalischen Ebene ergibt, gerne. Wenn ich das machen würde weil ich denke, hey, wenn da jetzt Erik Truffaz draufsteht, dann kaufen vielleicht 50 Leute mehr die CD, dann nicht.

Bernd Ihno Eilts: Erik Truffaz arbeitet immer auch wieder zusammen mit Bugge Wesseltoft, das zieht halt eine bestimmte Klientel von Leuten an. Für dich spielt das keine Rolle?

Frank Wingold: Genau. Es gibt ja so gute Musiker und gelegentlich spielen auch Marketingaspekte da mit. Daran habe ich nicht wirklich Interesse. Mehr sage ich nicht dazu (lacht).

Bernd Ihno Eilts: Was rätst du jungen Musikern?

Frank Wingold: Wenn es für dich alternativlos ist, dann mache Musik. Ich meine, Zweifel gehören immer dazu. Aber wenn du denkst, naja, mal gucken, ich könnte ja auch das oder das tun, dann mache es nicht (lacht). Es gibt natürlich nichts umsonst. Denke nicht, dass du Musiker werden kannst und viel Geld verdienst und eine Familie mit vier Kindern hast und ein erfülltes Familienleben und womöglich noch drei andere Hobby’s. Das wird nicht funktionieren. Wenn du wirklich gut spielen willst, dann musst du da investieren. Sehr viel Zeit und sehr viel Energie. Und nur wenn du bereit bist, das zu investieren, dann hast du eine Chance. Das verstehen viele junge Musiker nicht. Eine Karriere gibt es nicht umsonst. Selbst wenn man sehr talentiert ist. Man muss einfach wahnsinnig viel arbeiten um ein bestimmtes Level zu erreichen.

Bernd Ihno Eilts: Es gibt ja wirklich sehr sehr viele Musikstudenten, sehr sehr viele Leute, die sich entscheiden, Musik zu studieren. Haben die alle eine Chance?

Frank Wingold: Ich glaube, dass nicht alle später in den Clubs und auf den Festivals spielen werden. Aber meine Erfahrung ist, dass dies auch nicht unbedingt alle von sich erwarten. Ich glaube, was wir Dozenten machen, ist das allgemeine Niveau von Leuten zu verbessern, von Leuten, die zum Beispiel in Musikschulen arbeiten, die irgendwo Leiter von Theatern mit Musik sind, von Musicals, die unterrichten, die Cross-Over Sachen machen, die vielleicht auch in einen ganz anderen Bereich gehen, Medien, Internet, Marketing, aber die dann einfach mehr wissen über diese Musik, die fundierter damit umgehen. Vor allem diejenigen, die an der Schnittstelle stehen. In Amerika hat man diese sehr große Kultur von College-Bigbands. Die Colleges haben Bigbands mit einem enorm hohen Niveau. Das kommt daher, weil das Niveau der Leute, die dort unterrichten viel höher ist und auch die Präsenz dieser Kultur im Alltag viel höher ist. Davon ist Deutschland noch meilenweit entfernt. Aber es bessert sich enorm. Diejenigen, die an der Schnittstelle der Vermittlung stehen, besser ausgebildet sind und mehr über die Musik wissen, sind heute wichtig. Das waren lange Zeit beinahe ausschließlich klassische Musiker, die das halt eben nebenbei auch so ein bisschen gemacht haben. Mir ist noch gesagt worden, vor 15, 20 Jahren in der Musikschule, ach ja, das können wir ja auch machen, mit Speck fängt man Mäuse. Traditionell hat Jazz in Deutschland gar keine eigene Daseinsberechtigung, sondern das ist vielleicht etwas, um Leute für das echte Ding zu begeistern, irgendwann. Oder um noch ein bisschen Geld zu verdienen. Wir arbeiten an der Schnittstelle daran, dass Musik auch gut fundiert vermittelt wird. Ich glaube, dass es dafür nicht zu viele Studenten sind. Ich rede ja oft mit meinen Studenten und bemerke, dass sie ihre Chancen und beruflichen Möglichkeiten sehr realistisch einschätzen können. Das Berufsbild muss nicht sein, später als Musiker in Jazzclubs zu spielen. Das ist natürlich sehr begrenzt. Die wissen selber, wie hoch der Hammer hängt. Aber trotzdem machen sie es. Weil sie es wollen! Und das finde ich absolut okay. Dann lieber Musik statt BWL, weil mir gerade nichts besseres eingefallen ist. Und dieses Bachelorstudium dauert 4 Jahre. Die Studenten sind so jung, die können auch noch was anderes dranhängen und das irgendwie kombinieren. Die werden der Gesellschaft gut tun. Davon bin ich überzeugt.

Bernd Ihno Eilts: Wer bist du eigentlich, wenn keine Musik in deinem Leben im Vordergrund steht? Wer bist du privat, wenn du das sagen möchtest?

Frank Wingold: (Lacht)!

Bernd Ihno Eilts: Treibst du dich in Casinos herum, oder was stellst du sonst noch so an?

Frank Wingold: (Lacht)! Wenn ich so was machen würde, dann würde ich es dir jetzt bestimmt nicht sagen. Aber ich mache keine obskuren Dinge (lacht). Ich habe ein erfülltes Familienleben, ich habe einen wunderbaren Sohn und eine tolle Frau und einen schönen Ort, in dem ich lebe. Ich interessiere mich für mehrere Kunstformen und versuche, ein einigermaßen gesundes Leben zu führen. Und mich einigermaßen ethisch zu verhalten. Und das reicht dann auch.

Bernd Ihno Eilts: Herzlichen Dank Frank für deine sehr wundervollen und offenen Antworten!

Frank Wingold: Gerne!

Frank Wingold in Groningen/Niederlande.

Weitere Infos zu Frank Wingold: www.wingold.de

Interview: Bernd Ihno Eilts

Fotografie: Zoltan Acs

 

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