Auf dem Seziertisch: Rabea Edels Roman – Ein dunkler Moment

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Auf dem Seziertisch: Rabea Edels Roman – Ein dunkler Moment

Andrea Landolfi ist auf den ersten Blick kein sehr sympathischer Typ. Der Pathologe aus Rom geistert lustlos durchs Leben, hat offenbar den einen oder anderen psychischen Knacks abbekommen und orientiert sich bei der Feststellung von Todesursachen eher an den Wünschen des Staatsanwalts als an den Erfordernissen seines Handwerks. Doch einmal erwacht er für einen Moment aus seiner Lethargie. Eine junge Frau, deren Leiche er gerade obduziert hat, lässt sich kurz darauf von ihm als Anhalterin ein Stück mitnehmen. Ist er jetzt wirklich übergeschnappt? Oder läuft hier ein ganz faules Spiel?

In ihrem zweiten Roman spannt die 30jährige Schriftstellerin Rabea Edel einen Bogen über ein Jahrzehnt und zwei Kontinente: Im Jahr 1998 überlebt nur die 16jährige Amanda die Ermordung der Familie durch ihren jüngeren Bruder. Tatort: ein Kaff im mittleren Westen der USA. Elf Jahre später ist Amanda offenbar bereit, ihre zweite Heimat Rom zu verlassen und zu ihrem kriminellen Bruder zurückzukehren. Aber wer ist die Frau mit durchschnittener Kehle, die in Amandas Wohnung liegt?

In einer an Filme erinnernden Schnitttechnik erzählt die Autorin diesen Kriminalfall. Der Stil ist klinisch unterkühlt. Der Bau dieses Romans ist komplex, aber die Personen lassen den Leser kalt. Weder Amanda noch ihre mysteriöse Doppelgängerin lassen uns Anteil an ihrem Gefühlsleben, ihren Ängsten und Sehnsüchten nehmen. Allein der melancholische Pathologe Andrea Landolfi, der dem Verbrechen beinahe auf die Schliche kommt (aber am Ende eben doch nicht), wird als Person greifbar. Dem verwickelten Plot hat sich alles unterzuordnen. Dadurch gleicht das Buch einem glitzernden Bau aus Glas und Beton, dessen Konstruktion man bewundert, der das Herz aber kalt lässt. Der Rezensent beugt sich etwas ratlos über die Geschichte, so wie Landolfi über seine Leichen.

Rabea Edel beweist in „Ein dunkler Moment“, dass sie ihr Schreibhandwerk beherrscht. Es würde mich freuen, wenn sie in ihrem nächsten Buch (das bestimmt schon in Arbeit ist), eine Geschichte erzählt, die ihr und uns persönlich noch näher geht.

Rabea Edel: „Ein dunkler Moment“. Roman. Verlag Luchterhand, München 2011. 192 S., 18,99 Euro.